Gemeindegesundheit auf dem Forschungsprüfstand Brennt das Haus der Kirche?



Artikel, Szerző: Laszlo Szabo - Mai 15. 105

Gemeindegesundheit auf dem Forschungsprüfstand

„Das Haus der Kirche brennt. Wir gleichen einem Wahnsinnigen, der Ernte in seine brennende Scheune einbringen will“ – äußerte Paul Schütz seine Sorgen in 1953 über seine Kirche. Wie denkst du über deine? Oft wird mit sehr unterschiedlichen, manchmal sogar radikalen Worten beschrieben, wie man die eigene Gemeinde erlebt und über ihr Wohlbefinden denkt. Den eigenen Gesundheitszustand regelmäßig zu prüfen halten viele für wichtig und nehmen die angebotenen unterschiedlichen Untersuchungsmöglichkeiten ernst. Doch wie prüft man den Gesundheitszustand einer Gemeinde? Gibt es dafür zuverlässige und objektive Verfahrensweisen?

 

Neben dem Text der Bibel und dem gesellschaftlichen Kontext gehört auch die Gemeinde als Glaubensgemeinschaft zu den drei methodischen Komponenten einer biblischen Missionstheologie. Wenn die Konzentration nur auf das Studium des Wortes und auf die Gesellschaftsrelevanz gerichtet wird, ohne die Gemeindegesundheit regelmäßig zu prüfen, kann es vorkommen, dass es durch natürliche Prozesse (z.B. Veralterung, Wegzug) oder durch mangelhafte Gemeindebetreuung (etwa fehlende biblische Werte, Programmorientierung, falsche Strategien) zu Krisen kommt und das Haus der Kirche im übertragenen Sinne wirklich zu brennen beginnt.

 

Mich beeindruckt sehr, wie die biblische Geschichtsschreibung über die Kinder von Issaschar spricht. Sie waren Männer, „die erkannten und rieten, was Israel zu jeder Zeit tun sollte, 200 Hauptleute, und alle ihre Brüder folgten ihrem Befehl.“ Sie waren Leiter, die die Zeiten verstanden und die Umständen zielorientiert analysieren konnten. Ihre Schlussfolgerungen und Vorschläge basierten auf beobachteten Tatsachen, die sie glaubensvoll und überzeugend präsentieren konnten, und ihr Volk folgte ihnen nach. Sie sind in erster Linie nicht durch ihre Kampfkunst zu Helden Davids geworden, sondern durch ihre Weisheit, die sich als Gabe Gottes im Alltag bewährt hat. Auch heute ist Leitung notwendig, die biblisch fundiert, gesellschaftlich relevant, aber auch die Gemeindegesundheit berücksichtigend plant, arbeitet und mit anderen gemeinsam die richtigen und notwendigen Schritte für die Zukunft tut.

 

Die Gemeinde verändert sich im Laufe der Zeit, und diese Veränderungen brauchen entsprechende Maßnahmen, damit nicht nur größere Krisen vermieden werden können, sondern sich die Gemeinde zur vollen Reife entfalten kann. Die ideal erscheinende urchristliche Gemeinde, wie sie in Apostelgeschichte 2 erscheint, erlebte bereits wenige Monate später eine grundlegende Krise, die wir in Apostelgeschichte Kapitel 6 lesen können. Das einmütige Miteinander verschwand: Die griechischen Juden murrten, weil etliche bei der Versorgung übersehen wurden. Die Apostel erlebten plötzlich Druck und falsche Erwartungen, die liebevolle Gemeindeatmosphäre verschwand und weitere Entwicklung war gefährdet. Sie mussten handeln: 

 

„Es ist nicht recht, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen. Darum, ihr lieben Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Heiligen Geistes und Weisheit sind, die wir bestellen wollen zu diesem Dienst. Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.“

 

Die Rede der Apostel präsentiert nicht nur ein klares Berufungsbewusstsein, sondern auch Klarheit über die erkannte Lage, Weisheit für die Lösung und eindeutige Schritte für die weitere Gemeindeentwicklung. Das Volk hörte auf sie, neue Mitarbeiter wurden eingesetzt, der Friede war wiederhergestellt und „das Wort Gottes breitete sich aus und die Zahl der Jünger wurde sehr groß.“ Probleme im Bereich Gemeindegesundheit können nicht nur als Gefährdung, sondern auch als eine neue Chance verstanden werden. Dafür muss die Gemeinde aber regelmäßig in den Spiegel schauen und über sich selbst offen und kritisch nachdenken können. Der bekannte Missionstheologe Hendrik Kraemer meinte jedoch 1947, dass Christen genau dies viel zu selten tun und eigentlich nur durch Krisen die Bereitschaft dazu entwickeln:

„Genau genommen sollte man sagen, dass die Kirche sich stets immer in einem Zustand der Krise befindet und dass es gerade ihr Versäumnis ist, dass sie das nur gelegentlich gewahr wird … immer [sind] scheinbarer Misserfolg und Leiden erforderlich gewesen, damit sie für ihre wahre Natur und Sendung volles Verständnis fand.“

 

 

Die demographische Entwicklung der Adventgemeinde in Deutschland

 

Wofür braucht man eine demographische Analyse der Gemeindeentwicklung? Das Ergebnis einer Analyse der demographischen Daten gibt Auskunft darüber, in welchen Bereichen die Gemeinde gut aufgestellt ist und in welchen Bereichen Handlungsbedarf besteht. Sie trägt zur Sensibilisierung bei, und die Leitung bekommt ein Gespür dafür, welche Themen im Zusammenhang mit der demographischen Entwicklung wichtig sind; somit kann sie sich damit beschäftigen, was jetzt getan werden kann, um spätere Engpässe zu vermeiden. Seit Monaten analysiert das Arthur-Daniells-Institut für Missionswissenschaft an der Theologischen Hochschule Friedensau die demographische Entwicklung der Freikirche anhand anonymisierter Bewegungsdaten und Stammdaten. An der Untersuchung haben fast alle Vereinigungen (außer BWV) teilgenommen. Folgende Daten zeigen daher den Zustand von sechs Vereinigungen beider deutschen Verbände. Die Altersverteilung sieht folgendermaßen aus.

 

 

 

Entgegen der eher pessimistischen Vermutung, die ich bei den meisten in einer spontanen Umfrage erfahren habe, zeigt die Altersstruktur eindeutig, dass unsere Freikirche in Deutschland eher in der Mitte stark ist. Die meisten, die sich darüber Gedanken machten, waren zuvor der Meinung, dass unsere Freikirche besonders unter Senioren stark ist.  

 

 

 

In der Darstellung vom Jahr 2015 fällt die starke Gruppe im Alter zwischen 45 und 65 auf. Anhand dieser Zahlen kann man vermuten, dass diese Altersgruppe als tragende Schicht die Gemeinschaft tatkräftig und finanziell unterstützt. Sie sind Gemeindeglieder, die der Gemeinschaft Stabilität und Halt verleihen, noch aktiv in der Gesellschaft tätig sind und sie eher selten verlassen. Die meisten dieser Generation sind Kinder adventistischer Eltern und in den geburtenstarken Jahrgängen der Nachkriegszeit geboren worden.

 

Es wird aber auch sichtbar, dass in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren mit einem starken Anstieg der über 65-jährigen in den Gemeinden zu rechnen ist, da die starke Gruppe der 45- bis 65 jährigen dann in das Segment 65 bis 85 Jahre wechselt. Dies wird die Gemeinschaft vor eine ernsthafte Herausforderung stellen. Die Untersuchung stellte keine wesentlichen Unterschiede zwischen den beteiligten Vereinigungen fest.

 

Die Analyse des Taufaltes derjenigen, die im Januar 2015 Mitglied waren, zeigt, dass die meisten Gemeindeglieder im Alter zwischen 15 und 25 getauft worden sind. Dies blieb tendenziell unverändert bis 2015. Über diese Altersgruppe hinaus werden nur sehr wenige durch Taufe in die Gemeinschaft aufgenommen.

 

 

 

 

 

Da die Angabe über den religiösen Hintergrund in den Daten fehlt, können wir nur vermuten, dass die meisten Gemeindeglieder aus einem adventistischen Elternhaus kommen und statistisch gesehen nur wenige von außerhalb stammen. Wir können auch feststellen, dass die tragende Schicht der 45- bis 65-jährigen Gemeindeglieder in ihrer eigenen Generation, aus welchem Grund auch immer, christliche Werte nicht so überzeugend vertritt, dass sich Menschen zur Freikirche angezogen fühlen und dies durch eine Taufentscheidung kundgeben. Die missionarische Aktivität unten Erwachsenen erscheint als eine bis jetzt ungelöste Herausforderung. Dies könnte eventuell mit der geringen Zahl von Hauskreisen in der Adventgemeinde zusammenhängen im Vergleich zu anderen eher wachsenden protestantischen Kirchen. Wenn die Überzeugung vorhanden ist, dass die vertretenen christlichen Werte auch für die heutige deutsche Gesellschaft relevant und wichtig sind, dann brauchen die Gemeinden nicht nur ein klares Verständnis dafür, wie ihre Vermittlung und Vertretung in ihrem jeweiligen Kontext anziehend geschehen kann, sondern auch eine konkrete Ausbildung für die Praxis. 

 

Die Grafiken zum Familienstand basieren auf Daten vom August 2015. 60% der Gemeindeglieder sind weiblich und 40% männlich. Damit wird sichtbar, dass eine international bekannte Herausforderung auch in Deutschland spürbar ist: nämlich der größere und wachsende Anteil der weiblichen Gemeindeglieder.

 

 

 

Die Analyse der Taufzahlen und Austritte zeigt, dass der proportionale Anteil der Männer bei der Taufe geringer und beim Austritt größer wird. Vielleicht liegt dies an der erfolgreichen Arbeit der Frauenabteilung? Auf jeden Fall ist es wichtig darüber nachzudenken, warum das Gemeindeleben, die erfahrbaren Werte und präsentierten Inhalte Männer weniger ansprechen. Ist es vielleicht notwendig, eine Abteilung für Männer ins Leben zu rufen, um über diese Herausforderung bewusst wahrzunehmen?

 

Bei der Untersuchung des Familienstands stoßen wir ebenso auf interessante Herausforderungen. Mindestens 15% (3742 Personen) der Verheirateten leben im Mischehen, d.h. haben nichtadventistische Partner. Diese Zahl kann sogar noch höher sein. Dies kann für die betroffenen Personen zusätzliche Schwierigkeiten bedeuten, und wahrscheinlich brauchen sie mehr Verständnis und besondere Unterstützung.

 

 

 

 

 

 

Die Darstellung der Anzahl der Gemeinden in den unterschiedlichen Größenklassen zeigt, dass 59% der Gemeinden entweder Kleinstgemeinden (bis 19) oder Kleingemeinden (20 bis 49) sind.

 

 

Die Analyse der Unterschiedlichen Gemeindegrößen auf Wachstum zeigt, dass alle vier Größenklassen ähnliche Erfahrungen machen. Viele Gemeinden wachsen durch Zuzug (national und international), aber durch die schrumpfende Zahl der zuwandernden Adventisten aus dem Ausland wird dies in der Zukunft leicht zurückfallen.  

 

 

 

Die große Zahl der Kleinstgemeinde und Kleingemeinden lenkt die Aufmerksamkeit auf eine wichtige Frage. Diese Gemeinden werden durch ihre Größe in der Gestaltung der Gemeindeprogramme oft nicht so stark unterstützt werden können, wie sie eventuell dies erwarten würden (fehlende Musiker, seltener Besuch des Predigers, weniger aktive Glieder für die Ämter). Andere, am Anfang der Adventgeschichte sehr verbreitete Formen des Gemeindelebens könnten für sie eine echte Lebenshilfe sein.

 

Weitere Untersuchungen der Altersstruktur der einzelnen Gemeinden zeigen, dass 102 Gemeinden eine ausgewogene Altersstruktur haben, da der Altersquotient in einem gesunden Bereich bleibt. 202 Gemeinden können als leicht gefährdet betrachtet werden, da der Anteil der Senioren ziemlich hoch ist (also 40-70% der aktiven Gemeindeglieder). 167 Gemeinden können als im Bestand gefährdet betrachtet werden, da bei ihnen dieser Anteil über 70% liegt.

 

 

Zeichen einer gesunden Gemeinde

 

Demographische Daten können auf Stärken und Schwächen der Entwicklung der Gemeinde hinweisen, aber die Qualität des Gemeindelebens ist kaum mit Zahlen messbar. Biblische Anhaltspunkte sind dafür aber vorhanden. Bei der Klausurtagung der Abteilungsleiter für Gemeindeaufbau im Januar 2016 war die Frage der Gemeindegesundheit ein zentrales Thema. Die Zeichen einer gesunden Gemeinde wurden in fünf kurzen Punkten zusammengefasst:

 

  • Sie glaubt an Jesus, verherrlicht Gott und lebt im Gehorsam ihm gegenüber
  • Sie hat befähigende, dienende Leiter
  • Sie begibt sich in die Situationen der Menschen hinein, dient ihnen und beeinflusst die Umwelt
  • Sie ist missionarisch, lädt Menschen zur Nachfolge ein und macht sie zu Jüngern Jesu
  • Sie lebt in liebevoller Gemeinschaft als Leib Christi und integriert Menschen aller Generationen gemäß ihren geistlichen Gaben in das Leben und die Leitung der Gemeinde

 

Nicht die Zahl der Punkte ist entscheidend, sondern die Prinzipien, die dahinter stehen. Diese Punkte versuchen nicht ein Programm zu beschreiben. Ein Programm hat einen Anfang und ein Ende. Die Arbeit an der Gesundheit der lokalen Gemeinde sollte als Prozess verstanden werden, der regelmäßig zu spürbaren Ergebnissen und Fortschritten führt und Auswertung beinhaltet. Leiter von gesunden und wachsenden Gemeinden sind sich dessen bewusst, dass möglichst alle in diesen Prozess einbezogen werden sollten. Deswegen leiten sie auf Gemeindeebene Ausbildungsmöglichkeiten für Gemeindeglieder in die Wege, um neue Leiter auszubilden, zu befähigen und in den Dienst zu integrieren. Die Neuausrichtung einer Gemeinde geschieht nicht von heute auf morgen. Meine Beobachtung ist, dass im Durchschnitt 4 bis 10 Jahre dafür notwendig sind. Um für so lange Zeit auszuhalten und trotz entstehender Konflikte dranbleiben zu können, ist besonders Punkt 1 sehr wichtig: Eine Gesunde Gemeinden glaubt an Jesus. Nicht der Erfolg zählt und steuert den Prozess, sondern die tiefe Verbindung zu Jesus und der Gehorsam ihm gegenüber.  Der Glaube an Jesus gibt einer Gemeinde auch die Gewissheit, dass christliche Werte trotz Herausforderungen immer noch relevant und überzeugend sind und es ist lohnenswert sich dafür einzusetzen und dadurch echte Gemeinschaft als Gemeinde Gottes entstehen zu lassen. 

  1. Chronik 12:23. Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Apostelgeschichte 6:2-4. Lutherbibel revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Ap. 6:7.

Die Untersuchung des Taufalters zeigt, dass die meisten von ihnen als Jugendliche oder als junge Erwachsene getauft worden sind.

Als Vergleich Deutschlandweit: 51% Frauen und 49% Männer. Die Daten basieren auf dem Zensus veröffentlicht in 2013 vom Statistischen Bundesamt.

  Das Hausgemeinde-Model war z.B. sehr verbreitet. Die durchschnittliche Gemeindegröße bei den Adventisten im Jahr 1871 war 23,5 Personen laut des Business Proceedings der General Conference in Battle Creek. Das Leben in einer Hausgemeinde macht die Gestaltung des Gottesdienstes wesentlich einfacher ohne auf entscheidend wichtige Werte zu verzichten und die Gemeindeatmosphäre wird entlastet von unerfüllbaren Erwartungen.


 

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